Lu­zia Schmid: Ich will al­les

Luzia Schmid: Ich will alles

Lu­zia Schmid: Ich will al­les

Es be­ginnt, wie ein Film über die Schau­spie­le­rin, Sän­ge­rin und Buch­au­to­rin Hil­de­gard Knef be­gin­nen muss: 1968, Or­che­ster Kurt Edel­ha­gen, »Für mich soll’s ro­te Ro­sen reg­nen«. Der Text ist, wie fast im­mer, von ihr, die Mu­sik ar­ran­gier­te Hans Ham­mer­schmid. Da ist die­se Au­ra, die­ses Tim­bre, das man so­fort, auch oh­ne Bild, wie­der­erkennt. Ei­ne spe­zi­el­le Ver­bin­dung aus Stolz, Maß­lo­sig­keit und Selbst­iro­nie, la­ko­nisch und wuch­tig zu­gleich, »hem­mungs­los au­to­bio­gra­phisch«, wie sie ih­re Tex­te sel­ber nann­te, ei­ne kom­pri­mier­te Le­bens­bi­lanz mit 43 Jah­ren, da­von mehr als 20 Jah­re in­ter­na­tio­na­le Film- und Büh­nen­er­fah­rung. Ein Blick dann auf die quan­ti­ta­tiv im­po­nie­ren­de Li­ste mit »Co­ver­ver­sio­nen« und man weiß, dass ei­nem kei­ne da­von auch nur ei­ne Se­kun­de in­ter­es­siert, und das gilt auch für die­ses dün­ne Süpp­chen, das Ex­tra­breit 1992 mit der Knef auf­ge­nom­men hat­ten.

Lu­zia Schmid hat gut dar­an ge­tan, die­se Ne­ben­schau­plät­ze für ih­ren Film Ich will al­les aus­zu­blen­den. Über die ge­sam­ten 98 Mi­nu­ten bleibt die Schwei­zer Do­ku­men­tar­fil­me­rin bei Hil­de­gard Knef und lässt sie in den vie­len In­ter­views und Ge­sprä­chen, die sie in vier Jahr­zehn­ten ge­führt hat­te, zu Wort kom­men. Be­kann­te In­ter­view­er sind dar­un­ter, al­les Män­ner, Fried­rich Luft et­wa, Wer­ner Baecker, Hans­jür­gen Ro­sen­bau­er, Rein­hart Hoff­mei­ster und Joa­chim Fuchs­ber­ger und man ist er­staunt, wie di­rekt, ja in­tim da­mals die Fra­gen wa­ren. Nichts wur­de aus­ge­spart, man frug nach Selbst­mord, nach Krank­heit, nach Be­zie­hun­gen und Hil­de­gard Knef gab be­reit­wil­lig und of­fen Aus­kunft. Fast hat man das Ge­fühl, sie ver­lang­te nach die­sen Ge­sprä­chen, um sich selbst ih­rer zu ver­ge­wis­sern; da spiel­te es auch kei­ne Rol­le, wenn die Ge­sprächs­part­ner zu­wei­len über­for­dert wa­ren.

Sie hat(te) et­was zu sa­gen. Et­wa wenn sie über Ver­sa­gens­äng­ste und dann, in ei­nem an­de­ren Ge­spräch, pa­the­tisch vom Göt­ter­ge­schenk der Mög­lich­kei­ten spricht, die sie in ih­ren Be­ru­fen hat. Da ist das Ge­ständ­nis, wäh­rend ih­rer er­sten Hol­ly­wood-Zeit (1948–51) ge­schei­tert zu sein, weil sie in ih­rer »Däm­lich­keit« auf Zu­sa­gen ge­war­tet ha­be. Nach­denk­lich re­sü­miert sie bei Fried­rich Luft, nie ei­ne Mit­tel­la­ge ge­habt zu ha­ben. Ent­we­der ha­be es sehr gro­ßen Er­folg oder »ganz be­deu­ten­den Miss­erfolg« ge­ge­ben. Ih­ren Tri­umph im Broad­way-Mu­si­cal Silk Stockings 1955 schrieb sie Co­le Por­ter zu, der sie zum Sin­gen er­mun­tert ha­be. Dass »Mar­le­ne« kam, um ihr da­nach zu gra­tu­lie­ren, be­deu­te­te ihr viel. Spä­ter ha­be sie mit ex­zel­len­ten Film­re­gis­seu­ren zu­sam­men­ge­ar­bei­tet, die aber lei­der ih­re schlech­te­sten Fil­me ge­dreht hät­ten.

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Chri­stoph Nar­holz: Wi­de Bo­di­ed Jets

Christoph Narholz: Wide Bodied Jets

Chri­stoph Nar­holz:
Wi­de Bo­di­ed Jets

Aber­mals ein Buch mit No­ta­ten, al­len­falls klei­nen Er­zäh­lun­gen, Ca­pric­ci­os, ei­ne im­mer stär­ker sich ver­brei­ten­de, sanf­te Form des Wi­der­stands ge­gen den Ro­man­fe­ti­schis­mus des Li­te­ra­tur­be­triebs. Wi­de Bo­di­ed Jets lau­tet der Ti­tel; nicht der ein­zi­ge An­gli­zis­mus. Man er­fährt, dass da­mit Trans­kon­ti­nen­tal­flug­zeu­ge be­zeich­net wer­den. Es gibt/gab da­von 76 bei der Luft­han­sa und al­le blie­ben wäh­rend der Co­ro­na-Pan­de­mie am Bo­den. Und 76 Ge­schich­ten sol­len es sein, so vie­le wie Jets. Am En­de sind es mehr als 80.

Es be­ginnt, wie der Au­tor es kurz dar­auf sel­ber nennt, »alt­mo­disch le­gen­den­haft« mit ei­ner Er­zäh­lung aus ei­nem klei­nen por­tu­gie­si­schen Ort vor zwei­hun­dert Jah­ren, drei hüb­schen Wirts­töch­tern, ei­nem Dau­er­ver­lieb­ten und dem Ver­such, die­se Zeit in der Ge­gen­wart des Dor­fes wie­der­zu­fin­den. Die­ser Ein­stieg er­weist sich als Glücks­fall, denn da­nach gibt es den er­sten von drei (oder sind es vier?) Selbst­dia­log-Ein­schü­ben. Zu­nächst wird hier dem Le­ser das Kon­zept er­klärt, dass all die­se Tex­te in der Co­ro­na-Zeit ent­stan­den sind (am En­de heißt es von »Spät­win­ter 2020 bis Som­mer 2022«), dass es wi­der die »kleb­ri­ge Trau­rig­keit von Chri­sti­an Kracht« (an­geb­lich ein Di­ede­rich­sen-Wort) geht und dass es vie­le un­ter­schied­li­che Er­zäh­ler gibt. So weit, so gut. Im wei­te­ren Ver­lauf der Selbst­ge­sprä­che wer­den al­ler­dings na­he­zu al­le po­li­ti­schen und ge­sell­schaft­li­chen The­men der Zeit be­spro­chen wie bei­spiels­wei­se die Schwä­chen des Li­be­ra­lis­mus, die Not­wen­dig­keit ei­ner neu­en Rechts­ord­nung im An­thro­po­zän oder die Re­ak­tio­nen des Staa­tes in der Pan­de­mie. Aus­führ­lich kne­tet man die (da­mals ak­tu­el­len) Phi­lo­so­phen, Bru­no La­tour, Pe­ter Slo­ter­di­jk, Bo­ris Groys, Jür­gen Ha­ber­mas und Sla­voj Žižek, was bei je­man­den, der u. a. über Slo­ter­di­jk pro­mo­viert hat, nicht un­ge­wöhn­lich ist. Na­tür­lich gibt es dann auch Ein­ord­nun­gen zum Über­fall Russ­lands auf die Ukrai­ne (die­ser Krieg wird schließ­lich als »Fe­mi­zid« klas­si­fi­ziert).

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Wel­ten und Zei­ten XVIII

Trans­ver­sa­le Rei­sen durch die Welt der Ro­ma­ne

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Mut zur Lücke: ei­ne be­lieb­te Wort­fü­gung, oft als Mot­to ver­wen­det. Wie­so man zum Lücken­ma­chen oder ‑las­sen Mut braucht, ist mir zwar nicht ein­sich­tig. Mei­stens wer­den Lücken ein­fach hin­ge­nom­men, un­be­küm­mert oder zäh­ne­knir­schend. Trans­ver­sa­li­tät lebt ge­wis­ser­ma­ßen von Lücken. Man kann sie sich auch als Po­ren vor­stel­len, durch die der Geist at­met. Zu­viel Dich­te be­hin­dert das Vor­stel­lungs­ver­mö­gen. Text, Tex­tur, Ge­we­be: das mehr von Phi­lo­lo­gen als von Schrift­stel­lern ge­brauch­te Bild ver­weist auf lücken­lo­se Struk­tu­ren. Tex­te, in de­nen / mit de­nen sich at­men läßt, ha­ben Po­ren, oder eben Lücken. Sie sind eher mit ei­ner Hä­kel­ar­beit ver­gleich­bar als mit ei­nem Ge­we­be.

Trotz­dem stre­ben Dich­ter, sol­che von Ge­dich­ten wie auch von Pro­sa, nach Ver­dich­tung, und oft ist ih­nen be­wußt, daß ihr Text bei­des braucht, Lücken und Dich­te: Un­ter- und Über­de­ter­mi­nie­rung. Es gilt, der Bil­der­phan­ta­sie im Kopf des Le­sers Raum zu ih­rer Ent­fal­tung las­sen. Und aus der Spra­che, noch aus der schlich­te­sten For­mu­lie­rung, mehr her­aus­zu­ho­len, als man – und wo­mög­lich der Dich­ter selbst – sich hat träu­men las­sen, daß drin­steckt. Das Ver­brauch­te er­neu­ern, neu be­le­ben. Durch die Po­ren at­men, Luft her­ein­las­sen durch grö­ße­re Öff­nun­gen. Luf­ti­ge Tex­te, so die Hoff­nung, ent­wickeln ei­nen ei­ge­nen Schwung, der den Le­ser mit­nimmt.

Auf das Epos folgt li­te­ra­tur­ge­schicht­lich der Ro­man. Al­te Hy­po­the­se. Der »mo­der­ne Ro­man« ist ein Pleo­nas­mus, in­so­fern der Ro­man mit der Mo­der­ne – der er­sten eu­ro­päi­schen Mo­der­ne, die das Mit­tel­al­ter ab­löst – ent­steht. Ob die hier und da in der x‑ten Mo­der­ne avi­sier­te Wie­der­kehr des Epos nicht bloß ei­ne Bank­rott­erklä­rung des Ro­man­ciers ist, dem die Zü­gel ent­glei­ten? Als Wahl­ja­pa­ner be­zie­he ich un­se­re Iden­ti­tät, so­weit wir halt ei­ne brau­chen, lie­ber aus dem fried­fer­ti­gen Gen­ji Mo­no­ga­ta­ri – manch­mal als »er­ster Ro­man« ti­tu­liert – als aus Sa­mu­rai-Ge­schich­ten und Bu­shi­do-Bü­chern, die ge­wis­se Zeit­strö­mun­gen und ein­zel­ne Au­toren vor­ge­zo­gen ha­ben, et­wa Yu­ko Mishi­ma in sei­nem mar­tia­li­schen Es­say Son­ne und Stahl. Das Wort »mo­no­ga­ta­ri« wür­de ich am ehe­sten mit »Ge­schich­ten­samm­lung« über­set­zen, in der Art von Boc­c­ac­ci­os De­ca­me­ro­ne oder, viel spä­ter, Goe­thes Un­ter­hal­tun­gen deut­scher Aus­ge­wan­der­ten oder, noch ein­mal spä­ter, Se­balds Die Aus­ge­wan­der­ten. Ver­sucht der Er­zäh­ler, ei­ni­ge oder min­de­stens ei­ne Fi­gur oder ei­nen in der Er­zähl­welt prä­sen­ten Er­zäh­ler über die gan­ze Samm­lung hin­weg bei der Stan­ge zu hal­ten oder, noch bes­ser, des­sen Ent­wick­lung zu zei­gen, er­hält man das, was wir im­mer noch »Ro­man« nen­nen. Doch der Be­griff ist nach hin­ten und nach vor­ne of­fen. Viel­leicht ist der Ro­man noch heu­te nichts an­de­res als ei­ne Ge­schich­ten­samm­lung. Zum Bei­spiel Hand­kes Jahr in der Nie­mands­bucht, als Mär­chen aus­ge­ge­ben und dem Epos zu­nei­gend, ist ganz klar ei­ne sol­che Samm­lung, in wel­cher sie­ben Freun­de ih­re Ge­schich­ten er­zäh­len und die Er­zäh­lun­gen von ei­nem recht prä­sen­ten Er­zäh­ler re-prä­sen­tiert wer­den. Ein Sy­stem von Ge­schich­ten, wür­de ich sa­gen. Ein Sy­stem von nar­ra­ti­ven Pla­ne­ten, die um ein Haupt­ge­stirn krei­sen, das nicht un­be­dingt oder nicht im­mer oder nur in­di­rekt strahlt.

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Chri­sti­an Kracht: Air

Christian Kracht: Air

Chri­sti­an Kracht: Air

Chri­sti­an Krachts neu­er Ro­man Air be­ginnt in Strom­ness auf den Ork­ney-In­seln. Dort lebt Paul. Er ist In­nen­aus­stat­ter (»Home Stager«), küm­mert sich, war­um auch im­mer, um ei­ne ein­äu­gi­ge Kat­ze, liest ger­ne ein Zeit­geist-Ma­ga­zin und hat ein Bild von Ja­mes Ar­cher mit Mer­lin und Rit­ter Lan­ce­lot an der Wand hän­gen, das ihm der Her­zog von Cum­ber­land ge­schenkt hat­te, weil er für des­sen Sa­lon im Jagd­schloss ein ganz spe­zi­el­les Rot ge­fun­den hat­te. Da­nach ka­men dann Auf­trä­ge aus al­len Re­gio­nen. Paul wirkt ein biss­chen ge­lang­weilt, selbst das Po­lar­licht hat sei­nen Zau­ber ver­lo­ren. Er ha­dert mit Strom­ness, schwärmt für ein Haus auf der In­sel Ju­ra, »Barnhill« ge­nannt, weit weg von jeg­li­cher Zi­vi­li­sa­ti­on, das er nur von Bil­dern kennt«. Im­mer­hin lernt der Le­ser die ein­zi­ge Bäcke­rei von Strom­ness ken­nen. Er er­hält ei­ne Ein­la­dung nach Sta­van­ger. Dort möch­te man, das er das per­fek­te Weiß er­fin­det. Er fährt hin. Die Ka­pi­tel mit Paul sind mit un­ge­ra­den, rö­mi­schen Zah­len über­schrie­ben.

Il­dr ist neun Jah­re alt, lebt mit ei­ner ein­äu­gi­gen Eu­le in ei­nem nicht nä­her de­fi­nier­ten Land in ei­ner vor­mo­der­nen Zeit. Die Mut­ter ist am »Gel­ben Tod« ge­stor­ben, der Va­ter un­ter­wegs, das Le­ben ist hart. Manch­mal muss sie ja­gen, mit Pfeil und Bo­gen, so auch heu­te. Statt ei­nes Rehs hat sie al­ler­dings ei­nen Mann ge­trof­fen. Sie ist ent­setzt, nimmt den Frem­den mit. Man ent­fernt den Pfeil, Il­dr näht die Wun­den zu und gibt dem Mann von sei­nem wei­ßen Pul­ver. Als Sol­da­ten des Her­zogs von Tvi­ot an ih­re Tür klop­fen und nach ei­nem frem­den Mann fra­gen, lügt sie die­se an. Der Mann wird ge­sucht; er soll ein Er­fin­der sein, ein Ma­gi­er. Die Ka­pi­tel mit Il­dr und dem Frem­den sind mit ge­ra­den, rö­mi­schen Zah­len über­schrie­ben.

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Das ge­fähr­de­te Ich

Ein Es­say über den Sturm-und-Drang-Li­te­ra­ten Rolf Die­ter Brink­mann

Töteberg/Vasa: Ich gehe in ein anderes Blau

Töteberg/Vasa: Ich ge­he in ein an­de­res Blau

Fünf­zig Jah­re ist es her, dass Rolf Die­ter Brink­mann im Al­ter von 35 Jah­ren in Lon­don töd­lich ver­un­glück­te, von ei­nem Au­to über­fah­ren, weil, wie es heißt, er die Um­stel­lung auf Rechts­ver­kehr nicht be­rück­sich­tigt hat­te. Jür­gen Theo­bal­dy, ein Schrift­stel­ler-Kol­le­ge (die Be­zeich­nung »Freund« ist bei Brink­mann eher schwie­rig) war da­bei und kein Buch kommt oh­ne die Schil­de­rung des Un­falls durch Theo­bal­dy aus.

Auch die bei­den neu­en Bü­cher ma­chen da kei­ne Aus­nah­me. Da ist zu­nächst ei­ne un­längst er­schie­ne­ne, neue Brink­mann-Bio­gra­fie Ich ge­he in ein an­de­res Blau von Mi­cha­el Tö­te­berg und Alex­an­dra Va­sa. Tö­te­berg ist Film­jour­na­list und lei­te­te lan­ge Jah­re die Agen­tur für Me­di­en­rech­te im Ro­wohlt Ver­lag; Alex­an­dra Va­sa ist Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­le­rin. Der Ti­tel ist ei­nem me­lan­cho­li­schen Ge­dicht Brink­manns aus den 1970ern mit dem kar­gen Ti­tel Ge­dicht ent­lehnt, wel­ches mit

  • »Wer hat ge­sagt, daß so­was Le­ben
    ist? Ich ge­he in ein
    an­de­res Blau.«

en­det. Pas­send hier­zu wur­de als Co­ver das längst iko­nisch ge­wor­de­ne Fo­to Brink­manns von Gün­ther Knipp blau ein­ge­färbt. Mi­cha­el Tö­te­berg steu­ert auch das Nach­wort zur er­wei­ter­ten Neu­aus­ga­be der Ge­dicht­samm­lung West­wärts 1 & 2 bei, die 1975, kurz vor Brink­manns Tod (ge­kürzt) er­schie­nen war.

Und im Ver­lag An­dre­as Reif­fer er­scheint dem­nächst ein als Zet­tel­ka­sten apo­stro­phier­tes bio­gra­fi­sti­sches Buch des Schrift­stel­lers und Jour­na­li­sten Frank Schä­fer. Man könn­te von ei­nem wei­te­ren Ver­such spre­chen, den To­des­tag als ei­ne Wie­der­be­le­bung von Rolf Die­ter Brink­manns Werk, das der­zeit nur bruch­stück­haft lie­fer­bar ist, zu eta­blie­ren.

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Wel­ten und Zei­ten XVII

Trans­ver­sa­le Rei­sen durch die Welt der Ro­ma­ne

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Ge­dich­te von Wil­liam Car­los Wil­liams im Ra­dio, Öster­rei­chi­scher Rund­funk, in ei­ner Sen­dung, die seit acht­zig Jah­ren ih­re Struk­tur und Ge­stalt nicht ver­än­dert hat und die ich schon als Stu­dent gern hör­te. Un­ver­än­dert auch der Ti­tel, ein Schu­bert-Lied zi­tie­rend, al­ter­tüm­lich und, im­mer schon, oh­ne Iro­nie: Du hol­de Kunst. Al­ter­tüm­lich oder bes­ser, mit ei­nem an­de­ren al­ter­tüm­li­chen Wort: zeit­los. Al­so hier Wil­liam Car­los Wil­liams, ein Ge­dicht aus dem All­tag, aus sei­nem Haus, sei­nem Gar­ten, aus ei­ner klei­nen Stadt, aus der Pro­vinz, der Pro­vinz des Men­schen. Spä­ter Ge­dich­te aus und über Pa­ter­son, im Al­ter wur­de so­gar Wil­liams ein we­nig ge­schwät­zig. Zwei­fel­los hat sich Jim Jar­musch für sei­nen wun­der­ba­ren Film Pa­ter­son auch von Wil­liams an­re­gen las­sen. Ge­dich­te schrei­ben, Ge­dich­te hö­ren, Ge­dich­te le­sen – üb­ri­gens auch im Film – ist hier ein Platz ma­chen, Weg­räu­men von Un­er­heb­li­chem, nicht et­wa, um ir­gend­ein We­sent­li­ches ins Au­ge zu fas­sen, son­dern um das, was da ist, die paar Din­ge, mei­ne ei­ge­ne We­nig­keit, ins spär­li­che Wort zu set­zen.

  • Wenn mei­ne Frau schläft
    wenn das Klei­ne und Kath­rin
    wenn sie schla­fen
    und die Son­nen­schei­be flam­mend
    weiß in sei­de­nen Ne­beln
    über schim­mern­den Bäu­men steht
    wenn ich dann in mei­nem Zim­mer, –
    nörd­lich, nackt, gro­tesk
    vor mei­nem Spie­gel tan­ze,
    schwenk mein Hemd mir um den Kopf
    und mir lei­se selbst zu­sin­ge:
    »Ich bin ein­sam, ein­sam,
    und zum Ein­sam­sein ge­bo­ren,
    ein­sam bin ich auf der Hö­he!«
    Wenn ich Ar­me und Ge­sicht,
    Schul­tern, Flan­ken, Hin­tern an mir selbst
    be­wund­re vor den gel­ben Ja­lou­sien, –
    Wer leug­net dann, daß ich hier glück­lich
    und mein gu­ter Haus­geist bin?

Al­so Platz schaf­fen für Be­deu­tung, nicht für gro­ße, son­dern für klei­ne, ge­rin­ge, ver­ein­zel­te Be­deu­tung. Weg mit dem Bla­bla, mit dem Rau­schen, dem Viel-zu-Vie­len, weg mit den Me­di­en (ab­ge­se­hen von Ra­dio und Buch). Kon­text re­du­zie­ren, bis nur ein paar Wör­ter üb­rig­blei­ben, die die Din­ge ih­rer Exi­stenz ver­si­chern, und dich dei­ner. Ei­ne Art von – Ge­nug­tu­ung. Das Wil­liams­sche Ge­dicht tut ge­nau ge­nug.

Und die­sen Ro­man woll­te ich ei­gent­lich gar nicht le­sen: De Vri­endt kehrt heim von Ar­nold Zweig. War­um nicht? Weil mir Ar­nold Zweig, so mein Vor­ur­teil, zu sehr im Fahr­was­ser je­ner da­mals, seit den zwan­zi­ger Jah­ren des ver­gan­ge­nen Jahr­hun­derts, vor Hit­lers Macht­er­grei­fung und der Emi­gra­ti­on der deut­schen Gei­stes­welt, im Schwan­ge be­find­li­chen, po­li­tisch kor­rek­ten, hu­ma­ni­sti­schen, pa­zi­fi­sti­schen, an­ti­fa­schi­sti­schen Li­te­ra­tur schrieb. Li­on Feucht­wan­ger, Le­on­hard Frank, Erich Ma­ria Re­mar­que. Das Pro­blem mit De Vri­endt kehrt heim ist aber nicht sein Hu­ma­nis­mus oder An­ti­fa­schis­mus (ver­stan­den als Ab­leh­nung von Ge­walt als po­li­ti­schem Mit­tel), son­dern die jour­na­li­sti­sche Mach­art. Li­te­ra­ri­sche Kon­fek­ti­ons­wa­re, ge­schickt ver­fugt. War­um auch nicht? Als ar­mer Schlucker kann ich mir maß­ge­schnei­der­te Kla­mot­ten ja auch nicht lei­sten, war­um soll­te ich von Bü­chern ver­lan­gen, daß sie ex­qui­sit sind? Ex­qui­sit wie was? Wie die Jo­sephs­ro­ma­ne, wo Tho­mas Mann – wie üb­lich – ver­steckt von sich selbst er­zählt. Au­to­fik­ti­on, ist das et­wa bes­ser?

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Chri­stoph Rans­mayr: Egal wo­hin, Ba­by

Christoph Ransmayr: Egal wohin, Baby

Chri­stoph Rans­mayr: Egal wo­hin, Ba­by

Sieb­zig »Mi­kro­ro­ma­ne« auf et­was mehr als 250 Sei­ten prä­sen­tiert Chri­stoph Rans­mayr in sei­nem neue­sten Buch mit dem zu­nächst leicht ir­ri­tie­ren­den Ti­tel Egal wo­hin, Ba­by. Na­tür­lich ist die Ka­te­go­rie Mi­kro­ro­man ein Wi­der­spruch in sich, denn ein Text von drei oder fünf Sei­ten ist kein Ro­man. Aber Er­zäh­lun­gen im klas­si­schen Sinn sind es auch nicht. Nach je ei­nem Fo­to er­folgt der Text, der wie­der­um Ort und Ge­gen­stand der Ab­bil­dung er­läu­tert. Manch­mal kommt es fast zum Er­zäh­len, häu­fi­ger je­doch ist es ein Auf­flackern ei­ner Si­tua­ti­on.

Zu Be­ginn je­doch ei­ne Di­stan­zie­rung: Hier er­zäh­le kein Ich, kein Rans­mayr, son­dern wir se­hen, er­le­ben ei­nen ge­wis­sen Lor­can, ei­nen Na­men »aus ei­nem bis­lang nur aus Krit­ze­lei­en be­stehen­den, noch un­ge­schrie­be­nen Ro­man, der den Ti­tel tra­gen soll Swan oder Der Puls der Ster­ne und von der Ent­deckung der wah­ren Grö­ße des Uni­ver­sums han­deln soll.«

Vie­le Or­te und Er­in­ne­run­gen dürf­te Rans­mayr-Le­sern bei­spiels­wei­se aus dem At­las ei­nes ängst­li­chen Man­nes oder der Er­zäh­lungs­samm­lung Als ich noch un­sterb­lich war be­kannt vor­kom­men und bis­wei­len wir­ken die hier kon­stru­ier­ten Mi­kro­ro­ma­ne wie ge­raff­te Wie­der­ga­ben der aus­führ­li­che­ren Tex­te. Man sieht ihn un­ter an­de­rem in der Ark­tis des Franz-Jo­sef-Lan­des auf rus­si­schen Eis­bre­chern, in der Az­te­ken-Me­tro­po­le Te­noch­ti­tlán, beim in­di­schen Ster­nen­fest Ta­na­ba­ta, im ober­öster­rei­chi­schen To­ten Ge­bir­ge, in der al­ge­ri­schen Erg-Oa­se auf dem Weg nach Tim­buk­tu oder auf ei­ner Nil­fahrt. Er be­sucht die Ro­bin­son-Crusoe‑, Oster- und Pit­cairn-In­seln, rät­selt über die merk­wür­di­gen Ku­gel­ge­bil­de auf der Champ-In­sel, be­wun­dert die sub­tro­pi­sche Viel­falt des Gar­tens des Cast­le­ha­ven Hou­se, be­reist Hand­lungs­or­te der Il­li­as und Odys­see und ent­wickelt am Grab Ho­mers sei­ne ei­ge­ne Theo­rie über den Ur­sprung der bei­den Epen. Sel­te­ner gibt es Er­gän­zun­gen zu den lan­gen Tex­ten, wie et­wa über die­se Bunt­stift­zeich­nung von Emi­ly Chri­sti­an von den Pit­cairn-In­seln, die Lor­can vom Ka­pi­tän des Schif­fes ge­schenkt wur­de, der ihn auf die In­sel brach­te. Emi­ly war »ein sie­ben­jäh­ri­ges Mäd­chen und Nach­fah­rin des Steu­er­manns­maats und An­füh­rers der Meu­te­rer Flet­cher Chri­sti­an« und mal­te Pfer­de, ob­wohl sie noch nie wel­che ge­se­hen hat­te.

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Gun­dolf S. Frey­er­muth: Wer war WM?

Gundolf S. Freyermuth: Wer war WM?

Gun­dolf S. Frey­er­muth: Wer war WM?

Als ich dem ei­nen oder der an­de­ren auf Nach­fra­ge er­zähl­te, was ich ge­ra­de le­se, ka­men fra­gen­de Blicke zu­rück. Wolf­gang Men­ge? Das Co­ver­bild – der mar­kan­te und gut­ge­klei­de­te Mann mit Glat­ze und Pfei­fe – half nicht im­mer. Die Ret­tung nah­te bei der Er­wäh­nung, dass Men­ge der Schöp­fer von »Ekel Al­fred«, der Haupt­fi­gur aus Ein Herz und ei­ne See­le, war. Den kann­ten sie, weil min­de­stens ei­ne Fol­ge – die vom Sil­ve­ster­punsch – in jähr­li­cher Re­gel­mä­ssig­keit wie­der­holt wird. Bei Smog und Mil­lio­nen­spiel wuss­ten die mei­sten auch nicht mehr wei­ter.

Nun al­so ei­ne Bio­gra­phie von Wolf­gang Men­ge, fast ein biss­chen ver­spä­tet zum 100. Ge­burts­tag. Viel­leicht liegt es am Ver­fas­ser Gun­dolf S. Frey­er­muth, Jour­na­list, Au­tor und Pro­fes­sor u. a. an der In­ter­na­tio­na­len Film­schu­le Köln, der von Men­ge ein­mal als un­pünkt­li­cher Zeit­ge­nos­se cha­rak­te­ri­siert wor­den sein soll, was der Freund­schaft der bei­den nicht im We­ge stand. Die bei­den lern­ten sich erst 1987 ken­nen. Men­ge war da 63, Frey­er­muth 32. Ir­gend­wie fin­den sie ei­nen Draht. Der jun­ge Au­tor, der u. a. für den Stern schreibt und lan­ge in den USA ge­lebt hat, kann Men­ge über­zeu­gen, sein Com­pu­te­r­e­quip­ment auf Mac­in­tosh um­zu­stel­len. Das war, wie sich spä­ter her­aus­stell­te, be­mer­kens­wert, denn Men­ge war nor­ma­ler­wei­se schwer zu über­zeu­gen.

Der Ti­tel ist mit Wer war WM? in­ter­es­sant ge­wählt. Frey­er­muth schreibt in den fast 500 Sei­ten, die ge­le­gent­lich von Bil­dern auf­ge­lockert wer­den, im­mer dann von »WM«, wenn es um all­ge­mein bio­gra­phi­sche und/oder werk­ge­ne­ti­sche Din­ge geht und wech­selt zum »Wolf­gang«, wenn es per­sön­lich wird. Die­se Me­tho­de er­weist sich als Glücks­griff, weil der Le­ser so­fort weiß, wer da ge­ra­de schreibt – der Freund oder der Bio­graph (wo­bei das ei­ne nicht das an­de­re aus­schlie­ßen muss).

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