
Irgendwann ging es um die aktuellen Lektüren. Peter Handke las die Briefe von Stendhal. Und von Schiller. Besonders jene, in denen Schiller schon von der Krankheit gezeichnet sei. Und dann sah ich bei mir den seit einem halben Jahr im Regal der ungelesenen Bücher stehenden Roman Das Glück ist ein Engel mit ernstem Gesicht und sagte, dass ich nur noch den Winkler habe. Handke war sofort entsetzt. Das sei grauenhaft, so könne man doch nicht schreiben. Alle wären schuld, alle böse, nur die Schwester nicht. Er stockte. Natürlich könne ich das lesen. Aber wie der Winkler hier schreibe, das sei »sehr unverschämt«. Aber auch gekonnt. Sehr gekonnt. Aber er, Handke, lese dann doch lieber etwas weniger Gekonntes. Ich sagte noch, dass mich Menschenkind und der Ackermann aus Kärnten damals bewegt hätten, was ihn erstaunte.
Aber Handke ließ nicht mit sich reden. Natürlich weiß er, das Winkler ihn verehrt und in diesem neuen Roman finden sich auch (gut versteckt) zwei Zitate von Über die Dörfer (die am Ende erwähnt werden zusammen mit all den anderen Zitaten beispielsweise von Anna Achmatowa, Rainer Maria Rilke und Dschalal ad-Din Rūmī). Mit dieser rigorosen, mit Anerkennung versehenen Ablehnung hatte er mein Interesse geweckt.
Tatsächlich handelt der neue Roman von Josef Winkler von seiner fünf Jahre älteren Schwester Maria, die am Ende ihres Lebens sieben Jahre im »psychiatrischen Pflegeheim in Möllbrücke, im Oberen Drautal, keine zwanzig Kilometer von ihrem Heimatort Kamering entfernt« verbrachte. Die Erinnerungen an die Schwester, das Verhältnis zwischen dem Ich-Erzähler Seppl und ihr bilden das Gerüst. Aber ohne die Motive aus den vergangenen (Kamering-)Romanen, die in üblicher, litaneihafter Art und Weise vorgetragen werden und den Erzähler und dessen Empfindungen und Qualen in den Mittelpunkt stellen, kommt auch dieses Buch nicht aus.






