
Die Atmung der Liebenden mit Anomalien
Im österreichischen Korrektur Verlag ist mit Die Atmung der Liebenden mit Anomalien der erste einer auf drei Bände konzipierten, von Günter Helmes herausgegebenen Edition mit verstreuten und nachgelassenen Texten (für Band 3 ist auch Lyrik avisiert) der 2024 mit 40 Jahren verstorbenen Schriftstellerin und bildenden Künstlerin Helena Adler erschienen.
Als Romanautorin debutierte sie 2018 als Helena Este Adler mit Hertz 52 im Arovell Verlag. Die stark autobiografisch geformte Ich-Erzählerin Vanta Vest ist Gymnasiallehrerin, fühlt sich jedoch zur Schriftstellerei und Bildenden Kunst hingezogen, schreibt an einem Roman und besucht Therapiesitzungen, um ihre Kindheit, Jugend und Familiengeschichte zu verarbeiten. Vanta lebt mit ihrem 21 Jahre älteren Mann Alex (auch er ist Lehrer und Künstler) und dem kleinen Lucien in Salzburg. Der zwischen Screwball-Komödie und Künstlerinitiation changierende, bisweilen bewusst kalauerhaft daherkommende Roman fand trotz des unabweisbar großen Talents der Autorin wenig Beachtung und ist heute nicht mal mehr antiquarisch zu erwerben.
Die Wahrnehmung änderte sich 2020, als bei Jung und Jung Die Infantin trägt den Scheitel links erschien und Adler fast über Nacht zu einem Popstar am deutschsprachigen Literaturhimmel wurde. Aus den unterhaltsamen aber auch pointendurstigen Wortwitzeleien von Hertz 52 zeigte sich in der Infantin eine expressiv-sprachgewaltige Autorin hohen literarischen Ranges. Mal war von einem »Anti-Heimat-Roman« die Rede, dann wiederum entdeckte man eine »Coming-out-of-age«-Geschichte und die Sprache, in der die synästhetische Ich-Erzählerin mit ihren hyperventilierend vorgebrachten Wahrnehmungen auf ihren alkohol- und sexsüchtigen Vater, die psychisch kranke, in die Religion sich flüchtende Mutter, die sie im ihr Erbe betrügenden Zwillingsschwestern, ihre Kindheit und die Kunst blickte, ließ die Vergleiche von Innerhofer über Jelinek bis Winkler purzeln. Dabei konnte man leicht unter dem bisweilen rasenden Furor der Erzählerin deren dezidierte Zuneigung, ja Liebe, zu den Eltern überlesen. Die Kindheit war zwar verloren, aber sie konnte und wollte mit ihrem eigenen Kind nun alles anders machen.






